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Der Tag an dem ein Teil von mir mit meinem Kind gestorben ist...

Januar 2021

 

Ich werde den 29.12.2021 niemals vergessen. Das war der Tag, an dem ein Teil von mir mit meinem Kind gestorben ist. 

 

Vorab möchte ich erwähnen, dass die folgenden Worte für den ein oder anderen Menschen eventuell zu viel sind. Bitte nicht weiterlesen, wenn das hier für jemanden einen Auslöser von tiefsitzenden Emotionen hervorbringen könnte. 

 

Am 29.12.21 hatten mein Freund und ich vor, für ein paar Tage ans Meer zu fahren um dem Alltagsstress ein wenig zu entfliehen. Ich stand um 4 Uhr morgens auf. Ging kurz ins Zimmer von meiner Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie ist ein Tiefschläfer, von daher wusste ich, dass ich sie nicht wecken würde. Dann ging ich in den Keller, wo Jaden sein eigenes Reich hatte. Ich lief an seiner Tür vorbei und dachte mir, na? Soll ich reingehen und kurz Tschüss sagen, oder rufe ich später lieber an? Da er immer so schlecht schläft, wollte ich ihn nicht wecken und ging wieder nach oben um alles fertig zu packen. Um halb 6 fuhren wir los.

 

Auf dem Weg bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich die beiden nicht mitgenommen habe, da wir nicht oft in den Urlaub fahren. Nach einer Stunde hielten wir kurz an, und das Telefon klingelte. Auf dem Handy stand "Jaden". Am anderen Ende habe ich nur eine bitter weinende Stimme gehört. Es hörte sich an wie er und ich sagte nur: Jaden, was ist denn los mein Schatz? ... Ich wusste überhaupt nicht, was ich in dem Moment gefühlt habe, einfach nur hilflos, weil ich mein Kind nicht in den Arm nehmen konnte und beruhigen konnte. Aber nach ein paar Sekunden war mir bewusst, dass es nicht Jaden am anderen Ende war, sondern seine Ex Freundin, die nach ihm schauen wollte, da sie mit ihm um halb 1 morgens ein kurzes Telefonat geführt hatte und sie dann ein schlechtes Gefühl hatte. 

 

Dann sagte sie die Worte: Jaden,er ist tot. Er hat sich umgebracht. .... 

 

Ich kann überhaupt nicht beschreiben, was in mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Erst einmal absolute Panik, weil ich schon eine Stunde weg von zu Hause war. Ich schrie laut und bat meinen Freund, er muss umdrehen, und sofort nach Hause fahren. Ich war so in der Hoffnung, dass mein Kind noch lebt... die Stunde Fahrt war die längste in meinem Leben. Als wir zu Hause angekommen sind, stand meine Tochter draussen mit ihrem Papa, lauter Polizeiwagen und ein Krankenwagen. Ich lief ums Haus herum weil ich sofort zu Jaden wollte, (er hatte einen eigenen Eingang) Ich suchte nach Augenkontakt mit irgendjemanden, der vor seiner Tür stand, und eine der Sanitäter sah mich an und schüttelte langsam den Kopf und blickte nach unten. Meine Welt brach zusammen.

 

Sie ließen mich nicht ins Haus. Aber ich wollte doch nur mein Kind sehen. Ihn halten, neben ihm liegen..seine wunderschönen langen Haare streicheln. Sein Gesicht küssen.

 

Stunden vergingen und auf einmal kamen sie mit ihm zugedeckt raus, und brachten ihn in den Krankenwagen. Dort durfte ich für eine Minute bei ihm sitzen. Ich kann es nicht beschreiben, welch tiefen Schmerz ich empfand, als ihn da liegen sah. Ich streichelte sein Gesicht und gab ihm einen Kuss, aber es war einfach nicht genug für mich. Ich wollte ihn nicht verlassen. 

 

Sie brachten ihn ins Krankenhaus wo er untersucht werden musste. Ich durfte nicht bei ihm sein. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis sie endlich fertig waren, und dann sagte die Frau zu mir: "Von einer Mutter zur anderen, ich würde mein Kind so nicht sehen wollen". Ich hätte jedoch nicht auf sie hören sollen... aber ich hatte Sorge nur noch "diese Bilder" von ihm in Erinnerung zu haben.

 

Nach langen 30 Stunden wurde Jaden endlich vom Krankenhaus "entlassen". Das Bestattungsinstitut ließ mich fast den ganzen Tag bei ihm sitzen. Aber es war einfach nicht das gleiche.

 

Ich bin froh, dass ich den Mut hatte allen zu sagen sie sollen mich für eine Weile mit ihm alleine lassen. Denn ich wollte eigentlich niemanden um mich herum haben. Ich sah ihn die ganze Zeit nur an und streichelte stundenlang seine Haare. Es war so unfassbar vor ihm zu sitzen, wo ich ihn ein paar Tage zuvor noch im Arm hatte. Oder eher gesagt er mich, da er so ein großer Teddybär war. 

 

Ich war noch bis spät abends da, ich wollte einfach nicht gehen und mein Kind alleine lassen. Ich drehte mich dann noch einmal um, als ich aus dem Zimmer ging, von weitem sah er so aus, als ob er schläft. Ich konnte es einfach nicht begreifen, dass ich ihn nie wieder sehen werde, seine Stimme nicht mehr hören werde und ihn nie wieder in meine Arme schließen kann ...

 

Die Tage seitdem, vermischen sich mit allen anderen zuvor. Ich suche Wege wie ich selbst mit ihm kommunizieren kann (ohne die Hilfe eines Mediums), aber bisher waren diese Versuche vergeblich. Ich weiss, es liegt ein sehr langer Weg vor mir. Momentan fühlt sich jeder Schritt so an, also ob ich einen kleinen nach vorne gehe, und tausend wieder zurück.

 

Wenn meine Gedanken auch nur ein wenig länger bei ihm sind, verliere ich mich im Nichts und bin fast nicht in der Lage mich wieder aus dem tiefen Loch herauszuholen. Keiner um mich herum versteht wie es sich anfühlt. Ich weiss sie meinen es alle gut, aber dieser Schmerz sein Kind zu verlieren ist einfach nicht in Worte zu beschreiben.  

 

Die Anzeichen waren alle über die Jahre da. Wir haben viele Dinge versucht, um Jaden aus seiner Depression herauszuholen, aber nichts hat letztendlich geholfen. Lag es daran, dass wir nicht Konsequent genug waren? Vielleicht. Vielleicht nicht.

 

Die Schuld, die ich als Mama empfinde ist eines der schlimmsten Gefühle, die ich momentan durchgehen muss. Die Leute sagen, ich soll mir keine Schuld geben, aber ich hätte doch so viel mehr machen können. Oder doch nicht? Und jetzt ist es zu spät. 

 

Jaden hat einen 4 Seiten langen Brief hinterlassen. Er hat ihn schon an Heiligabend geschrieben. An dem Tag wo alles perfekt war, und wir einen guten Tag hatten. Er hatte mich am Tag zuvor noch gefragt, ob ich ihm ein paar neue Yeezy Schuhe kaufen kann... Warum??Die Frage stelle ich mir andauernd. Was hat ihn letztendlich dazu gebracht? Ich werde es niemals verstehen können. Ich kann lediglich die Hoffnung nicht aufgeben, dass ich ihn irgendwann wieder sehen werde, und ich meine Zeit auf Erden noch so gestalten kann, dass ich einigermaßen sagen kann, dass ich "gut" gelebt habe und weiterhin anderen Menschen helfen konnte.

 

Mein Fokus liegt nun ganz auf meiner Tochter. Sie ist gerade 12 geworden. Ein Alter, in dem gerade die mentale Gesundheit so wichtig ist. Ich weiss, dass der Tod von meinem Sohn uns verändert hat. Allerdings nicht nur zum schlechten hin. Die tiefe Trauer wird meinerseits nie verschwinden, aber ich sehe die Welt mit ganz anderen Augen als zuvor....

Mitte Januar 2021

 

Ich sitze hier knappe 2 Wochen später und finde immer noch nicht die richtigen Worte. Ich schwanke seitdem zwischen tiefer Trauer, Einsamkeit, Wut, absolute Leere und Leugnung. Es kann einfach nicht sein, dass ich mein Kind nie wieder sehen kann. Nie wieder in den Arm nehmen kann und mit ihm sprechen kann. Jahrelange Depressionen haben ihn letztendlich dazu bewegt sein eigenes Leben zu nehmen. Er fand einfach keinen anderen Weg, und das werde ich nie verstehen können. 

 

Diese Worte zu schreiben sind unglaublich schwer, weil es alles so echt macht. Als ich mit 21 Jahren meine 39 jährige Mama verloren habe, dachte ich es gibt nichts schlimmeres. Aber der Schmerz sein eigenes Kind zu verlieren ist unbeschreiblich, einfach unerträglich. Ich kann mich hin und wieder ein wenig ablenken lassen. Ich weiss, die Leute meinen es gut, aber es ist überhaupt nicht möglich auch nur einen Funken Freude an irgendwas finden zu können. 

 

Ich sitze in seinem Zimmer und starre teilweise nur vor mir her. Ich fühle mich dort am meisten mit ihm verbunden, obwohl es gerade da war, wo er seinen letzten Atemzug gemacht hatte. Ich möchte einfach nur die Zeit zurückdrehen und alles anders machen. Es tut mir so im Herzen weh, dass er keinen Funken Hoffnung gesehen hat, dass sich sein Leben zum besseren verändern kann. Jeder sagt mir, erinnere dich an die schönen Zeiten mit ihm und halte daran fest. Wie soll ich das machen, wenn ich nur seinen leblosen Körper vor mir sehe? Ich stundenlang da sass und seine wunderschönen langen Haare gestreichelt habe und mich nicht von ihm verabschieden wollte?? Alles erinnert mich an ihn. Mein Mamaherz tut einfach endlos weh... 

Der Abschiedsbrief

In ein paar Tagen sind fast 7 Monate vorbei. Ich frage mich, wie ich diese Zeit überhaupt überstanden habe, wie es sein kann, dass ich überhaupt noch hier bin... Die Emotionen der Trauer überkommen mich teilweise immer noch wie am ersten Tag. Es ist ein ganz klein wenig besser geworden, aber sobald ich auch nur einen Gedanken an Jaden habe, laufen die Tränen. Ich vermisse ihn so sehr. Die Trauer nimmt einen so sehr mit. Emotional aber auch körperlich. Teilweise heule ich den ganzen Tag, und dann fühle ich so richtig, wie die Energie den Körper verlässt, weil ich einfach keine Reserven mehr habe.. man fühlt sich teilweise wie ein Zombie. 

 

Ich habe über die Monate lange überlegt, ob ich Jaden's Brief mit der Welt teilen soll. Ich habe mich nun dazu entschlossen ihn zu veröffentlichen. Ich habe ein paar private Dinge an Freunde rausgelassen, aber der grösste Teil vom Brief ist nun öffentlich zu sehen. Einige werden sich vielleicht wundern, oder darüber empört sein, dass ich zu diesem Entschluss gekommen bin, aber ich mache dies aus gutem Grunde. Ich möchte, dass der Brief vielleicht anderen Eltern helfen wird, die keinen Brief bekommen haben, und in die Psyche eines Teenagers schauen können, der jahrelange Depressionen erlitten hatte, und zwar nicht diagnostiziert worden ist, aber mit Sicherheit auch Bipolar war. Jaden hatte es selbst immer gesagt und die Hochs und Tiefs haben auf jeden Fall dafür gesprochen. 

 

Zum anderen bin ich der Hoffnung, dass die Menschen einfach mal darüber nachdenken, wenn sie diesen Brief lesen... wie sie mit anderen umgehen. Mir ist klar, dass nicht alles immer Sonnenschein und Regenbögen sein kann, aber bitte versucht ein wenig liebevoller zu sein. Jeder trägt sein Leid mit sich, viele verstecken es so gut, dass man nie denken würde, dass diese Person vielleicht furchtbar unglücklich ist...

 

Dann habe ich natürlich auch die Hoffnung, dass sich andere Kinder und Teenager, die Suizidgedanken haben Hilfe suchen, und nicht diesen permanenten Schritt zu wagen.

 

Der Schmerz den du in den tiefsten und schlimmsten Momenten deines Lebens erfährst wird wieder verschwinden, die irreversible Entscheidung, dein Leben zu beenden wird jedoch für immer bleiben. 

Jadens Abschiedsbrief - Trigger Warnung - Suizid

24. Dezember 2021. Der Tag, an dem ich jeden Lebenswillen verloren habe. Der einzige Grund, warum ich nicht einfach den Auslöser gezogen habe, war der Gedanke an die anderen. Die eine Sache, von der ich wünschte, sie wäre mir egal... Die Gier, die Lust, die Lügen... Es ist alles, womit die Welt gefüllt ist, ich finde es nicht wert, darin zu leben. Ständiger Schmerz. Und das alles nur, weil unser Gehirn so programmiert ist, dass wir ums Überleben kämpfen müssen, auch wenn die Folge nichts anderes als noch mehr SCHMERZ ist.

 

Ich finde es beängstigender, jeden Tag zu leben, ohne zu wissen, wie man als nächstes verarscht wird. Es ist beängstigender, jeden Tag zu leben, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt, als zu sterben, aber die Tatsache, dass das Leben vorbei ist, macht es so begehrenswert. Zu wissen, dass es mich nicht mehr kümmern wird, weil es nichts mehr gibt, worum man sich kümmern muss.

 

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal sterben wollte, als ich gerade 6-7 Jahre alt war, und wie sehr mir das weh tat. Dieser Schmerz hat nichts anderes getan, als stärker und beständiger zu werden. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mich selbst gefunden habe, aber trotzdem will ich jetzt noch mehr sterben. Das Leben ist einfach Scheiße! Ich kenne meinen Wert und weiß, wozu ich fähig bin, aber nichts davon ist es wert, alles, was ich sehe, ist, dass ich durch noch mehr Schmerz, Bedauern, Betrug und Hölle gehe. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich tot bin, dann sehe ich nur noch Frieden und Freiheit.

 

Ich hoffe wirklich, dass mein Leben gefeiert und nicht betrauert wird. Ich hoffe, dass die Menschen liebevoller und positiver werden. Ich hoffe, der Tod wird nicht mehr gefürchtet. Ich hoffe, Selbstmord wird in der Gesellschaft akzeptiert. "Der einfache Ausweg", wie die Leute es immer genannt haben, aber wenn jeder versucht, das einfache, egoistische Leben zu nehmen, was ist dann falsch daran, wenn jemand "egoistisch" mit seinem eigenen Leben umgeht, hm?

 

Es ist MEIN LEBEN. Es ist weniger egoistisch, sich mit der Absicht umzubringen, weniger Probleme im eigenen Leben und im Leben anderer zu verursachen, als am Leben zu sein und egoistisch zu sein und das Leben anderer negativ zu beeinflussen. Also es ist mir egal, wenn du mich egoistisch nennst. Ich weiß, dass ich es am Ende für den Frieden getan habe.

Danke an alle, die Positives in mein Leben gebracht haben.

 

Mama, es tut mir leid, dass ich es nicht geschafft habe, ich habe es so lange versucht, ich bin einfach müde. Ich weiß nur, dass meine Seele endlich glücklich ist, frei, um jede Dimension des Universums zu erforschen.

 

Lilly, (seine Schwester, ich habe um Erlaubnis gebeten) ich habe so viel Liebe für dich. Bitte lass dich nie von jemandem verändern, bleibe immer positiv und versuche, anderen zu helfen.

 

Ich möchte nicht, dass irgendjemand das Gefühl hat, es sei seine Schuld, vor allem nicht er selbst. Aber um ehrlich zu sein, war es die Schuld von allen. Sogar meine eigene. Ich möchte nur, dass sich die Welt ändert. Wenn sich vielleicht jeder, der zum Zusammenbruch gedrängt wurde, das Leben nehmen würde, wäre das nicht mehr so häufig der Fall und die Menschen würden sich mehr darum Gedanken machen.

 

Mir ist klar geworden, dass man sich erst Sorgen macht, wenn es zu spät ist. Und es ist zu spät. Nimm es einfach als eine Lektion.

 

Ich wünschte nur, ich wäre anders. Ich hasse die Art und Weise, wie mein Gehirn funktioniert. Jedes Mal, wenn ich aufwache, bin ich noch wütender auf die Welt. Ich sehne mich nach dem Tod so sehr wie nach der Liebe. Aber ich habe das Gefühl, dass die Liebe am Ende nur noch mehr Schmerz bringen wird, der es nicht wert sein wird. Ich will nicht mehr hoffen, dass der nächste Mensch, den ich treffe, der Richtige ist, weil ich weiß, dass das nicht garantiert ist.

 

Das Einzige, was garantiert ist, ist, dass die Probleme des Lebens enden, wenn das Leben endet. Was mich wirklich aus der Fassung gebracht hat, ist, dass ich endlich zu mir selbst gefunden habe. Aber nichts mehr zu haben, wofür es sich zu leben lohnt.

 

Die Person zu erkennen, die ich sein möchte, aber keine Gelegenheit zu bekommen, diese Person zu sein, lässt das Leben sinnloser denn je erscheinen. Die Moral des Ganzen. Die Menschen sind scheiße, ich fühle mich wie der Außenseiter, von allem. Vor allem mental. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wirklich glücklich gewesen zu sein, also ist es einfach an der Zeit, endlich glücklich zu sein.


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